Prof. Trippen: Deutscher Katholizismus begrüßte 1914 den Kriegsausbruch als "Kampf in gerechter Sache"

Prof. Dr. Norbert Trippen (li.) und Pfarrer Karl-Heinz Sülzenfuß
Prof. Dr. Norbert Trippen (li.) und Pfarrer Karl-Heinz Sülzenfuß

Domkapitular und Kirchenhistoriker Prof. Norbert Trippen hielt gestern im Stiftssaal in Düsseldorf-Gerresheim einen spannenden Vor-trag zur Rolle der kath. Kirche vor 1914. Er gab Einblick in das Zeitgeschehen und skizzierte den Anteil der kath. Kirche an der Entwicklung des Krieges. Der Ausbruch des I. Weltkrieges kam dem totalen Zusammenbruch einer bis dato bestehenden Welt- und Werteordnung gleich.

Foto: Bürger- und Heimatverein Gerresheim
Foto: Bürger- und Heimatverein Gerresheim

Die Lebensverhältnisse vor dem Krieg waren gekennzeichnet durch eine starke Industrialisierung und Landflucht aus den Polnischen Ostprovinzen Preußens in das Ruhrgebiete und das Rheinland. Der preußische Staat reagierte auf den sozialen Wandel und die Proletarisierung der Gesellschaft aus Angst vor einer sozialdemokratischen Revolution mit seiner Sozialgesetzgebung. Diese Entwicklung wurde nach Meinung Trippens von der Katholischen Kirche nur unzureichend aufgegriffen. Ihre Antwort war lediglich die Stärkung und der Ausbau der Kranken- und Altenpflege durch Ordensschwestern und der Aufbau einer katholischen Subkultur in Form von katholischen Vereinen und Organisationen.

 

Der Preußische Staat schätzte an den Kirchen ihre Erziehungskompetenz zu loyalen obrigkeitstreuen Staatsbürgern. Er behandelte die Kirche als privaten Investor und unterstützte den Kirchenbau durch gelegentliche Gnadengeschenke. Erst 1905 wurde die Kirchensteuer eingeführt und es kam mit ihr zu einer Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit der öffentlichen Zuwendung.

 

Nach der Depression im Kulturkampf galten Katholiken als „Vaterlandslose Gesellen“. Katholiken war im Preußischen Staat die höhere Beamtenlaufbahn versagt. Die katholischen Bischöfe bemühten sich vor dem Ersten Weltkrieg diese Minderwertigkeit durch Anbiederung an den Kaiser auszugleichen. Die sachgerechte Bewältigung der zeitnahen Herausforderungen wurden nach Meinung Trippens von der Katholischen Kirche nur mit überlieferten Methoden und Stilen beantwortet.

Bei der Wahl des Kölner Erzbischofs 1899 gab es eine intensive staatliche Einflussnahme auf die Bischofswahl. Der preußische Episkopat übte keinen Protest, sondern zeichnete sich durch tiefste Ergebenheit gegenüber dem Kaiser aus. Demokratisierungsbestrebungen wurden als Zerstörung des bestehenden Wertesystems und der Staatsordnung abgelehnt.

 

Unter diesen Voraussetzungen wurde der Krieg im deutschen Katholizismus als „Kampf in gerechter Sache“ begrüßt, theologisch begründet und durch pompös inszenierte Gottesdienste an der Front unterstützt.

 

Der Vortag von Prof. Trippen zeigte in besonderer Weise auf, inwiefern die Verweltlichung der Kirche auf der einen Seite und die Verweigerungskultur gegenüber zeitnahen Herausforderungen auf der anderen Seite in eine menschliche Katastrophe führen.

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